„Die Verbraucher belohnen Relevanz“

New Food Conference 2026: Von Alltagsgewohnheiten, Nährstoffdichte, Abnahmegarantien und Geopolitik

Bei einer Veranstaltung in einem Saal bedienen sich die Gäste an einem Buffettisch, an dem Salate und Desserts zu sehen sind; einige Teilnehmer tragen Umhängebänder.
Was lässt Menschen am Buffet zu pflanzlichen Angeboten greifen? Relevanz lautete die Antwort der New Food Conference 2026: konsequent alltagsnahe Produkte, die auch gezielt auf medizinische Entwicklungen antworten. (Bild: Astrid Behrendt Photography)

Am Dienstag hat sich die internationale Branche für alternative Proteine in Berlin getroffen, um jenseits von Hypes stabile Allianzen entlang der Wertschöpfungskette zu formen und die Resilienz und Wirtschaftlichkeit der Proteinversorgung zu fördern. Die New Food Conference der Ernährungsorganisation ProVeg International brachte mehr als 260 Branchenvertreter aus 17 Ländern zusammen, von Frankreich, Polen und Italien bis hin zu Großbritannien und den USA. Die zentrale Erkenntnis der Konferenz: Eine krisenfeste Proteinversorgung braucht alltagstaugliche Produkte, nährstoffoptimierte Rezepturen und verlässliche Verträge für Landwirte.

Skalierung: Vertrautes für den Massenmarkt

Laut Berechnung von Madre Brava fehlen in Deutschland nur noch rund 600.000 Haushalte mit regelmäßigem Konsum alternativer Proteine, um die Schwelle zum breiten Massenmarkt zu überschreiten.

Miriam Schroer von Lidl in Deutschland ergänzte, die Kunden wollten ihre Gewohnheiten beim Einkauf im Supermarkt beibehalten. Sie möchten die Fleischalternative neben dem Geschnetzelten, die Joghurtalternative neben dem Sahnejoghurt finden. Für die Verbraucherkommunikation riet Schroer folglich, sich vom Begriff der „Alternativen” zu lösen.

Dass Alltagstauglichkeit schwerer wiegt als technologische Neuheit, bestätigte Denise Blömers von YouGov: „Die Verbraucher belohnen keine Innovationen, sie belohnen Relevanz.“ 75 Prozent von ihnen legen laut Daten des Marktforschungsinstituts Wert darauf, dass sich ihre Ernährung unkompliziert und mühelos in den Alltag integrieren lässt.1 

Das Marktwachstum tragen derzeit maßgeblich die Eigenmarken der Händler.2 Neben dem Preis entscheiden aber auch eine verständliche Produktgestaltung und das Vertrauen in die Zutaten, ob Flexitarier zugreifen.

Gesundheit: Wachstum durch erhöhte Nährstoffdichte

Große Chancen bieten sich da, wo den Menschen Gewohntes begegnet: Produkte aus Biomassefermentation, der Aufwertung von Nebenströmen und der traditionellen Fermentation zum Beispiel, erklärte Devika Suresh, Leiterin des Gründerzentrums ProVeg Incubator. „Die Realität ist: Die tierische Landwirtschaft wird nicht mehr viel besser werden. Alternative Proteine können und werden es.“

Neue medizinische Behandlungsmethoden prägen zudem die Produktentwicklung: In und über Europa hinaus bestimmen inzwischen GLP-1-Agonisten, die beim Abnehmen helfen, was die Verbraucher kaufen. Wenn Menschen insgesamt weniger essen, haben sie weniger Gelegenheiten, die benötigten Nährstoffe abzudecken. Das erfordert seitens der Hersteller eine sehr intelligente Rezepturentwicklung, erläuterte Anna-Lena Klapp, Leitung Forschung bei ProVeg International

Der Fokus liegt auf gut verdaulichem Protein und Ballaststoffen. Letztere finden sich nur in pflanzlichen Lebensmitteln. Pflanzenbasierte Angebote bieten damit die passende Grundlage für GLP-1-Therapien, erklärte Morgan Griffiths von Lumina Intelligence, eine enorme Chance für die Branche, sofern sie schnell genug agiert.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Nicht jedes pflanzliche Produkt ist automatisch gesund. Für eine glaubwürdige Kommunikation gilt es, den Blick vom unmittelbaren Nutzen auf die langfristige Perspektive von Gesundheit und Prävention zu verlagern, betonte der Zukunftsforscher Daniel Anthes.

Proteinstrategie: Verbindlichkeit für die Ernährungssicherheit

Eine resiliente Proteinversorgung ist komplexe Industriepolitik, so Anne Lerche von der Alliance for Biosolutions. Die Praxis zeigt bereits eine Lücke: Deutschland importiert 90 Prozent der Hülsenfrüchte für den menschlichen Verzehr, doch 81 Prozent der eigenen Produktion enden als Tierfutter, berichtete Maximo Graesse, ProVeg-Experte für Wertschöpfungsketten.3

Wir müssen die Landwirte einbeziehen, wenn wir eine nationale Proteinstrategie entwerfen, folgerte Anders Klöcker vom dänischen Landwirtschafts- und Ernährungsrat aus den Erfahrungen als Vorreiter.

„Landwirte sind hervorragende Risikostrategen“, betonte Patricia Rishi Sundstrom vom Farm Adaptation Network. „Das Problem ist, dass die Situation für die Bank nicht risikoreich ist. Sie ist ungewiss.“ Bei neuen Proteinkulturen stoßen Banken mangels etablierter Märkte auf Ungewissheit. Mehrjährige Abnahmegarantien übersetzen die Ungewissheit in verlässliche Zahlen und ein kalkulierbares Risiko. Das macht Betriebe wieder kreditwürdig und legt das Fundament für stabile Wertschöpfungsketten.

Hybride Ansätze, die tierisches und pflanzliches Protein kombinieren und in den Niederlanden bereits weithin etabliert sind, bieten Vorteile bei Preis, Nährwerten und Geschmack. Dabei haben sie auch strategische Bedeutung, etwa um Verbraucher zu erreichen, die rein pflanzliche Produkte ablehnen. Christiane Seidel von der Verbraucherzentrale Bundesverband sah gute Chancen dafür: „Es geht dabei nicht um Fleisch versus Veggie. Produkte wie diese können eine wichtige Brücke schlagen. Die Produkte sind beides, und das ist legitim.“

Zum Abschluss der Konferenz teilten Panelisten, Speaker und Teilnehmer über den Dächern Berlins branchenübergreifend ihre Eindrücke.


Bildmaterial

Bei einer Veranstaltung in einem Saal bedienen sich die Gäste an einem Buffettisch, an dem Salate und Desserts zu sehen sind; einige Teilnehmer tragen Umhängebänder.
Was lässt Menschen am Buffet zu pflanzlichen Angeboten greifen? Relevanz lautete die Antwort der New Food Conference 2026: konsequent alltagsnahe Produkte, die auch gezielt auf medizinische Entwicklungen antworten. (Bild: Astrid Behrendt Photography)
Vier Personen sitzen auf Stühlen auf der Bühne und nehmen vor einem grünen Hintergrund an einer Podiumsdiskussion teil. Man sieht Wasserflaschen und kleine Tische.
Braucht es einen eigenen Gang für Proteine im Supermarkt? Und sollte dieser lieber Spar-Geld-Gang heißen? Miriam Schroer von Lidl in Deutschland, Kay Uplegger von der Uplegger Group und Denise Blömers von YouGov (v. l. n. r.) entwarfen mit Jennifer Wiegard von CSCP, Moderator Sebastian Krüger und dem Publikum (nicht im Bild) den Supermarkt der Zukunft. (Bild: Astrid Behrendt Photography)
Sechs Diskussionsteilnehmer sitzen auf der Bühne der „New Food Conference 2023“ und diskutieren über Langlebigkeit, das Mikrobiom und Zukunftsvisionen im Gesundheitsbereich, während hinter ihnen auf einer großen Leinwand ihre Namen und Fotos zu sehen sind.
Langlebigkeit und das Mikrobiom bewegen immer mehr Menschen. Neben Schlaf und Bewegung steht dabei die Ernährung im Fokus, betonte Dr. Alexander Smerz vom Future of Nutrition and Longevity Institute auf dem Panel mit Zukunftsforscher Daniel Anthes, Morgan Griffiths von Lumina Intelligence und Isabelle Symonds von Schlegel & Partner. Katrin Kasper moderierte die Runde. (Bild: Astrid Behrendt Photography)
Auf einem Lebensmitteletikett an einem Holzständer steht „Vemondo Bratwurst mit Kartoffelsalat“. Allergene: 10, mit sichtbaren Lidl- und Vemondo-Logos.
Lidl in Deutschland, Hauptsponsor der New Food Conference 2026, zeigte beim Catering, was Eigenmarken-Produkte inzwischen zu bieten haben. (Bild: Astrid Behrendt Photography)
Ein bunt gemischtes Publikum sitzt in Reihen, verfolgt aufmerksam eine Präsentation und applaudiert. Die Kulisse scheint eine Konferenz oder ein Seminar in einem Saal zu sein, im Hintergrund sind große Fenster zu sehen.
Lebensmittelindustrie und -handel, Landwirtschaft und Politik: Die New Food Conference 2026 hat ein vielfältiges Publikum angezogen, um die branchenübergreifende Zusammenarbeit zu stärken. (Bild: Astrid Behrendt Photography)

Quellen

  1. YouGov (2026): YouGov Nutrition Studie 2026: Sieben Ernährungstypen zeigen, wie Deutschland wirklich isst – zwischen Gesundheitsanspruch und Alltagsrealität, veröffentlicht am 19.08.2026. Online unter: https://yougov.com/de-de/artikel/55386-yougov-nutrition-studie-2026-sieben-ernahrungstypen-zeigen-wie-deutschland-wirklich-isst-zwischen-gesundheitsanspruch-und-alltagsrealitat
  2. YouGov (2026): YouGov Behavior Change Report Spring/Summer 2026: Erfahrene Shopper treffen smarte Entscheidungen in unsicheren Zeiten, veröffentlicht am 30.06.2026. Online unter: https://yougov.com/de-de/artikel/55069-yougov-behavior-change-report-springsummer-2026-erfahrene-shopper-treffen-smarte-entscheidungen-in-unsicheren-zeiten
  3. Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (2026): Marktrecherche Hülsenfrüchte – Bundesinformationszentrum Landwirtschaft, Stand: 09.05.2026. Online unter: https://www.ble.de/SharedDocs/Downloads/DE/BZL/Daten-Berichte/OeleFette/JaehrlicheErgebnisse/2025_Bericht_Marktlage_Huelsenfruechte.pdf

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